Gastrezension: Turtles all the way down

Hintergrund:

Heute ist der letzte Tag im Monat und ich darf euch hiermit ein zweites Highlight präsentieren. Die liebe Tabi von „EinBuchkommtseltenAllein“ und ich hatten Lust auf ein gemeinsames Projekt. Also haben wir uns darauf geeinigt Rezensionen auszutauschen. Schaut doch mal bei ihr vorbei. Ein Bookguide, der sich wirklich lohnt 😉

 

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Titel: Turtles All The Way Down
Autor: John Green
Erschienen: 10. Oktober 2017
Verlag: Penguin
Seiten: 304
Sprache: Englisch
Preis: 12,99€

Inhalt:

„Sixteen-year-old Aza never intended to pursue the mystery of fugitive billionaire Russell Pickett, but there’s a hundred-thousand-dollar reward at stake and her Best and Most Fearless Friend, Daisy, is eager to investigate. So together, they navigate the short distance and broad divides that separate them from
Russell Pickett’s son, Davis.

Aza is trying. She is trying to be a good daughter, a good friend, a good student, and maybe even a good detective, while also living within the ever-tightening spiral of her own thoughts.“

Quelle: Goodreads

Fazit:

Nachdem John Green mit „The Fault in Our Stars“ (z. dt.: „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) ein emotionales Buch über ein Leben mit einer, meist, tödlichen Krankheit schrieb (und dabei nicht nur die schlechten, sondern besonders auch die guten Seite eines Lebens aufzeigte), warteten viele sehnsüchtig auf sein neues Buch. Denn John Green ist mit Worten so gut wie kaum ein anderer und trifft mit seinen Sätzen immer ins Schwarze. Dass er diesmal nicht nur das tat, sondern auch Gefühle beschrieb, für die ich
keine Worte finden konnte, traf mich vollkommen unvorbereitet…

Aber der Reihe nach: in seinem neuen Buch „Turtles All The Way Down“ (z. dt. „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“, 10. November 2017) schreibt John Green wieder über einen Teenager, Aza. Und er schreibt wieder über eine Krankheit, diesmal über eine psychische und eine, mit der der Autor selbst jeden Tag zu tun hat. Aza hat OCD (Obsessive Compulsive Disorder, z. dt. Zwangsstörungen). Das heißt, dass sie in so
genannte „Gedankenspiralen“ verfällt, die sie ein und denselben (meist Angst inne habenden) Gedanken denkt, auch wenn sie ihre Ängste vielleicht schon als irrational erkannt hat. Bei Aza, wie bei Green selbst, beziehen sich diese Spiralen vor allem auf die Angst von Bakterien infiziert zu werden und dies nicht verhindern zu können.

„The thing about a spiral is, if you follow it inward, it never actually ends. It just keeps tightening, infinitely.“ (7)

Vor diesem Hintergrund entspinnt sich die Geschichte rund um den vermögenden Vater von Azas Freund aus Kindheitstagen, der wegen seiner krummen Machenschaften nun endgültig vor Gericht gebracht werden soll, sich den Behörden aber einfach entzieht, in dem er von heute auf morgen verschwindet. Aza und ihre beste Freundin Daisy machen es sich nun zur Aufgabe dieses Verschwinden aufzuklären.

Dabei kommt Aza vor allem eins immer wieder in die Quere: ihre psychischen Probleme. Sie schränken sie in ihrem Alltag ein, verhindern, dass sie sich in vielen Situationen wohl fühlt und machen sie auch für äußere Einflüsse blind und taub. Nicht nur sie selbst leidet darunter, sondern auch ihr persönliches Umfeld.

Bald gerät der Fall rund um den gesuchten Millionär in den Hintergrund und Azas Gedanken werden immer und immer lauter. Green fängt dieses Gefühl der Zwangsstörung so gut ein, dass ich das Buch zeitweise zur Seite legen musste; nicht nur, weil Azas Zwang auf einen übergeht, sondern auch, weil ich mich selbst ein bisschen damit identifizieren konnte. Man spürt dem Buch an, dass Green aus Erfahrung
spricht und mit „Turtles All the Way Down“ nicht nur anderen Menschen diese Gedanken erklären will sondern auch sich selbst.

„Madness […] is accompanied by no superpowers; being mentally unwell doesn’t make you loftily intelligent any more than having the flu does.“ (133)

Wie Azas Story weiter geht und wie der Fall des flüchtigen Millionärs gelöst wird, möchte ich an dieser Stelle offen halten – es soll ja schließlich noch spannend bleiben (und das bleibt es auf jeden Fall!). Fakt ist, dass John Green es mit diesem Buch einmal mehr geschafft hat; er vereint eine spannende Geschichte mit einem Protagonisten, der seine Leser mit Haut und Haaren in seine eigene Welt, seine ganz eigene
Anschauung und damit auch in seine ganz eigenen Probleme mit nimmt. In einem Review der New York Times (https://www.nytimes.com/2017/10/10/books/review-john-green-turtles-all-the-way-down.html) habe ich gelesen, dass Green’s Buch diesmal viel düsterer sei als sein Vorgänger – und das stimmt. Nicht, weil es mehr an Dramatik hat oder tragischer endet, sondern einfach, weil wir in die ganz dunklen Ecken des menschlichen Verstandes und der menschlichen Psyche wandern. Ein Abgrund, der so harsch ist und in der Literatur – vor allem der Literatur für ein jüngeres Publikum – selten näher gebracht wird, auch wenn er, trotz seiner Tiefe, unbestreitbar wichtig ist. Und genau das ist dieses Buch: unbestreitbar wichtig. Für John Green, für seine Leser und vor allem für alle, die sich selbst oder jemanden mit OCD oder psychischen Erkrankungen besser verstehen will. John Green hat mit diesem Buch Gefühlen einen
Namen und einen Begriff gegeben. Für jemanden, der an einer so schwer zu beschreibenden Krankheit leidet, ein Akt der schonungslosen Reflektion und eine Hilfe für alle jene, die bisher nicht die richtigen Worte finden konnten.

„Because it’s turtles all the way down.“ (245)

Empfehlung für:

Leser, die selbst mit OCD zu tun haben, jemanden kennen, der an OCD leidet oder
einfach nur verstehen möchten, wie OCD aussehen kann. Außerdem sehr empfehlenswert, die keine feel good Geschichte mit YA Protagonisten lesen möchten, sondern etwas, was der Realität sehr nahe kommt und unausweichliche Schmerzen, aber auch immer wiederkehrende Hoffnung beschreibt. Ein Buch, dass die eigene Weltanschauung verändert und doch ganz zu sich selbst zurück führt.

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